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Vorschau: Neue Texte für klassische Deutschthemen

Fertige Lernarrangements mit Lehrplananbindung für einen kanonreflexiven Literaturunterricht (erscheint im Herbst 2026)

Hg. von #breiterkanon

Katja Cappucci-Lüders, Bastian Dewenter, Felix Lempp, Christina Templin, Jule Thiemann, Annette Kliewer, Martina Wernli

Der Band versammelt Unterrichtsvorschläge mit kommentierten Textauszügen, Aufgaben und Lösungsvorschlägen. Die auf diese Weise erschlossenen deutschsprachigen Texte decken die Literatur des Mittelalters bis hin zur Literatur der jüngsten Gegenwart ab. Der Schwerpunkt der chronologisch angeordneten Auswahl liegt auf Prosatexten des 20. und 21. Jahrhunderts, berücksichtigt sind aber auch dramatische und lyrische Werke. Dieser zeitlich und gattungsspezifisch ungleiche Längsschnitt durch die Literatur erklärt sich vorrangig aus der Tatsache, dass literarische Zeugnisse jüngeren Datums in den Oberstufencurricula der Länder in der Regel zu kurz kommen, dies gilt insbesondere für die Gegenwartsliteratur.

Das wesentliche Kriterium der Textauswahl bildete die literarische Verhandlung von Themen und Problemlagen aus einer bisher marginalisierten Perspektive. Die vergessenen Texte setzen eigene Akzente in der Modellierung fiktionaler Wirklichkeiten und entziehen sich teilweise gängigen epochalen Ordnungsmustern. Dadurch regen sie zur Reflexion von Textmerkmalen an, die oft genug als nicht zu hinterfragende inhaltliche und formale Selbstverständlichkeiten gelten. Das macht sie für einen Deutschunterricht der gymnasialen Oberstufe interessant, der sein theoretisches Versprechen, „Einblicke in Grundmuster menschlicher Erfahrung“ und „Zugänge zu verschiedenen Weltsichten“[1] zu eröffnen, erst allmählich einzulösen vermag. Denn seine männlichen, weißen und eurozentristischen Prägungen sitzen tief.

Um Anschlüsse an curriculare Vorgaben zu erleichtern, schlagen die Unterrichtsvorschläge Bezüge zu gesetzten Themen bzw. Werken der Lehrpläne in zweifacher Weise vor. Zum einen werden Klassiker und marginalisierte Texte in thematisch verwandten Textpaaren enggeführt, zum anderen zeigen weiterführende Hinweise am Ende der jeweiligen Beiträge Verknüpfungsmöglichkeiten mit weiteren literarischen Werken auf.

Inhaltsverzeichnis

MITTELALTER BIS FRÜHE NEUZEIT

[Anonym]: Aristoteles und Phyllis (ca. 1200). Märe. Gottfried von Straßburg: Tristan (um 1210). Versroman. (Theresa Specht)

Hortensia von Salis (1659–1715): Geist- und Lehr-reiche Conversations Gespräche (1696). Erzählung. (Nathalie Emmenegger)

18. JAHRHUNDERT

Johanna Eleonora Petersen (1644–1724): Leben (1718). Autobiografie und Sophie von La Roche (1730–1807): Das Fräulein von Sternheim (1771). Briefroman (Vera Faßhauer)

Elisa von der Recke (1754–1833): Nachricht von des berüchtigten Cagliostro Aufenthalt in Mitau im Jahre 1779 und dessen magische Operationen (1787). Streitschrift. (Vera Viehöver)

Therese Huber (1764–1829): Familie Seldorf (1795/96). Roman. (Kathrin Schoedel)

19. JAHRHUNDERT

Caroline Auguste Fischer (1764–1842): William der N. (1817). Erzählung. (Florian Kappeler)

Charlotte Birch-Pfeiffer (1800–1868): Elisabeth von England (1841). Drama und Friedrich Schiller (1759–1805): Maria Stuart (1800). Historiendrama. (Felix Lempp)

Louise Otto-Peters (1819–1895): Schloss und Fabrik (1846). Roman. (Katja Capucci-Lüders)

Louise Aston (1814–1871): Die wilde Rose (1850) und Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832): Heidenröslein (1789). Lyrik (Christina Templin)

Frieda von Bülow (1858–1909): Tropenkoller (1895). Roman. (Annette Kiewers)

Helene Böhlau (1856–1940): Halbtier! (1899). Roman. (Marcella Fassio)

20. JAHRHUNDERT

Franziska zu Reventlow (1871–1918): Ellen Olestjerne (1903). Roman. (Mareike Brandtner)

Mela Hartwig (1893–1967): Der Phantastische Paragraph (1928). Novelle. (Marcella Fassio)

Anna Gmeyner (1902–1991): Automatenbüfett (1932). Drama/Spiel. (Johanna Baumgardt)

Inge von Wangenheim (1912–1993): Mein Haus Vaterland (1950). Autobiografie. (Bastian Dewenter)

Auguste Lazar (1887–1970): Die Brücke von Weißensand (1965). Jugendroman. (Jana Mikota)      

Marie Luise Kaschnitz (1901–1974): Kein Zauberspruch. Gedichte (1972). Lyrik. (Sofie Aeschlimann)

Dualla Misipo (1901–1973): Der Junge aus Duala (1973). Roman. (Sandra Folie)

Christa Reinig (1926–2008): Müßiggang ist aller Liebe Anfang (1979). Lyrik. (Anna Bers)

Dagmar Nick (*1926): Katastrophe in Chiffren (1991). Lyrik. (Felix Kraft)

Semra Ertan (1956–1982) und May Ayim (1960–1996): [Wohin gehöre ich] (1981) und entfernte verbindungen (1992). Lyrik. (Sandra Folie, Alexander Pappe)

Ika Hügel-Marshall (1947–2022): Daheim unterwegs. Ein deutsches Leben (1998). Autobiografie. (Gianna Zocco)

21. JAHRHUNDERT

Tomer Gardi (*1974): broken german (2016) Roman. (Sandra Vlasta)

Selim Özdogan (*1971): Wieso Heimat, ich wohne zur Miete (2016) Roman. (Yasemin Dayıoğlu-Yücel)

Deniz Ohde (*1988): Streulicht (2020). Roman. (Jule Thiemann)

Fatma Aydemir (*1986): Dschinns (2022). Roman. (Dîlan Canan Çakir)

Dinçer Güçyeter (*1979) Unser Deutschlandmärchen (2022) und Heinrich Heine (1797–1856): Deutschland. Ein Wintermärchen (1844) (Martina Wernli)

Chantal-Fleur Sandjon (*1984): Die Sonne, so strahlend und Schwarz (2022). Versroman. (Sarah Thiery)

Fatma Aydemir (*1986): Doktormutter Faust (2024). Theaterstück und Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832): Faust. Eine Tragödie (1808). Tragödie/Drama. (Christina Templin)


[1] Niedersächsisches Kultusministerium, Kerncurriculum für das Gymnasium – gymnasiale Oberstufe, die Gesamtschule – gymnasiale Oberstufe, das Berufliche Gymnasium, das Abendgymnasium, das Kolleg. Deutsch. Hannover 2016, S. 5 ( https://cuvo.nibis.de/cuvo.php?p=search&k0_0=Schulbereich&v0_0=Sek+II&k0_1=Fach&v0_1=Deutsch&, Zugriff am: 07.03.2026).

Der Link zum Buch: https://www.cornelsen.de/produkte/neue-texte-fuer-klassische-deutschthemen-klasse-10-12-fertige-lernarrangements-mit-lehrplananbindung-fuer-einen-kanon-reflexiven-literaturunterricht-buch-mit-materalien-ueber-webcode-1100043209

Projekt Leseliste

Kanones und Leselisten spielen noch immer eine Rolle im akademischen Feld, denn sie beeinflussen, was an der Universität (und über die Lehramtsstudiengänge: in der Schule) gelesen wird, welche Autor*innen beforscht und an welchen Werken exemplarisch gelehrt wird. Auf Leselisten wie jenen des Instituts für deutsche Literatur oder der Leseliste des Reclam Verlags (Griese u.a. 2020) sind die Werke von Frauen noch immer stark unterrepräsentiert – von den auf der Reclam Leseliste verzeichneten 600 Werken stammen weniger als 8% von Frauen. Ein ähnliches Bild zeigt sich vielfach auf Seminarplänen und in der Folge in studentischen Arbeiten. Neben der Notwendigkeit der Forschung und Edition zu den Werken von Autorinnen sind daher auch theoretische Arbeiten und pragmatische Interventionen in der Institution Universität notwendig. Die seit 2021 im von Frankfurt aus gegründeten Netzwerk #breiterkanon arbeitenden Forscher*innen verschiedener Universitäten beschäftigen sich mit diesen Fragen. Sie haben eine gendersensible und genderreflektierte Leseliste als dringend zu bearbeitendes Desiderat identifiziert, als pragmatische Hilfestellung für die exemplarisch arbeitende literaturwissenschaftliche Lehre. Es gilt die Lücke zwischen Theorie und Praxis zu schließen, die sich zeigt, wenn diejenigen, die zu Literatur von Frauen forschen, Anfragen ihrer Kollegen erhalten, denen auffällt (und zunehmend von Studierenden zurückgemeldet wird), dass ihre Seminarpläne nur Texte von Männern enthalten, ob man ihnen nicht ein paar Namen nennen könne oder etwa eine Autorin kenne, an der sich z.B. der Roman des Realismus erklären lasse.

Das Projekt verschreibt sich daher der Konzeption einer gendersensiblen und -reflektierten Leseliste, die auf dem Stand der literaturhistorischen Forschung und durch kanontheoretische wie -politische Debatten informiert Werke und Autorinnen der deutschsprachigen Literatur versammelt und darstellt. Die Präsentation der Werke von Frauen (und von Autor:innen, von denen eine Selbstzuschreibung als *divers und *nonbinär überliefert ist) in Kurzvorstellungen und Kontextualisierungen wird als pragmatisches Hilfsmittel dienen und damit als Grundlage für eine gendersensiblere und -reflektiertere literaturwissenschaftliche Lehre und Forschung. Die Liste wird digital verfügbar (Open Access) und erweiterbar sein. Um ihre Wirksamkeit zu erhöhen und Kanon-Debatten an der Goethe Universität zu bündeln und in der Stadtöffentlichkeit sichtbar zu machen, soll sie mit einem öffentlichen Event am 14. September 2023 lanciert werden.

erwähnte Literatur: Griese, Sabine u.a. (Hg): Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen. Überarb. Neuaufl. Stuttgart 2020.

Rückblick #breiterkanon Tagung 9.-12.11.2022

„Wiederentdecken, lesen, edieren und mehr. Kanon-Forschung heute“ – unter diesem Motto trafen sich die Mitglieder des Netzwerks #breiterkanon Anfang November in Frankfurt. Nach fast zwei Jahren mit Treffen im digitalen Raum war die Tagung die erste Gelegenheit, sich in Präsenz zu treffen und auszutauschen. Inzwischen sind bei #breiterkanon rund vierzig Personen beteiligt, die sich mit eigenen und gemeinsamen Projekten engagieren.

Mit großzügiger Unterstützung der Universität Frankfurt (vor allem des FZHG) konnte die Tagung über vier Tage hinweg stattfinden. Im Gegensatz zu etwa einem DFG-Netzwerk ist #breiterkanon noch nicht institutionalisiert, dafür jedoch weder in der Laufzeit noch in der Personenzahl eingeschränkt. Das Netzwerk ist weiterhin offen für Interessierte und lebt durch das Engagement der Beteiligten. Dies zeigte sich auch in den vielen spannenden Beiträgen, die sich durch eine historische und systematische Breite auszeichneten – sie  beschäftigten sich mit Ausschlüssen in der Philosophie, führten von Autorinnen um 1800 bis zur Gegenwartsliteratur, umfassten gattungsspezifische Fragen nach der Rolle von vergessenen (Erfolgs)Dramen von Autorinnen, solche nach den Auswirkungen nach Exil, der Funktion von Rhetorik, der Literaturgeschichtsschreibung etc.

Felix Lempp sprach über Charlotte Birch-Pfeiffer

In einem Diskussionsslot setzten sich die Anwesenden mit Fragen nach der eigenen Diversifizierung des Netzwerks auseinander und hinterfragten die Zusammensetzung. Es wurde festgehalten, dass sich Interessierte weiterhin jederzeit zum Mitmachen melden können und dass in Zukunft noch offener ausgeschrieben werden soll, wenn eine Veranstaltung geplant ist. Die Tagung im November diente vor allem auch den bestehenden Mitgliedern dazu, einander noch besser – und zum großen Teil erstmalig nicht digital – kennenzulernen und sich auszutauschen.

Ulrike Draesner wurde digital dazugeschaltet

Mit dem Beitrag von Ulrike Draesner und der Lesung und dem Gespräch mit Mithu Sanyal kamen auch aktuelle Fragen aus dem Literaturbetrieb zur Sprache; zwei Exponentinnen der Gegenwartsliteratur setzten sich und ihr Schaffen in Bezug zu Kanonisierungsfragen.

Mithu Sanyal (rechts) und Martina Wernli im Gespräch über Identitti und Kanon
Sylvia Asmus führte durch das Magazin im Exilarchiv
Schätze und aktuelle Editionen des Exilarchivs
Einblick in aktuelle Projekte mit interaktivem Austausch mit (digitalisierten) Erzählungen von Zeitzeugen

Durch eine Exkursion ins Deutsche Exilarchiv 1933-1945 gelang ein Einblick in aktuelle Editionsprojekte sowie Quellen und Texte, die durch die Exilsituation auch an den Rand und unter Umständen in Vergessenheit geraten sind.

Diverses lesen und lehren – ein Bericht aus einem Seminar

von Martina Wernli

Im Sommersemester 2021 habe ich an der Universität Mainz ein Seminar zum Thema „Kanon und Diversität“ unterrichtet. Ziel war, meinen eigenen Lektüre-Horizont und denjenigen der Studierenden zu erweitern. Auf das Seminarprogramm (hier als pdf) setzte ich vor allem Gegenwartsliteratur und auch Neuerscheinungen, die ich gerade gelesen oder noch lesen und diskutieren wollte und von denen ich mir eine Erweiterung des Horizonts erhoffte. Kürzere theoretische Texte und literarische Erzählungen wurden als pdf zur Verfügung gestellt, drei Romane sollten ganz gelesen werden, nämlich Fatma Aydemirs Ellbogen (2017), Olivia Wenzels 1000 Serpentinen Angst (2020)und Sharon Dodua Otoos Adas Raum (2021).

Die Lektürevorschläge der Studierenden und der Rückblick auf das Semester brachten uns dann außerdem noch als Ergänzung einen Ausschnitt aus Juli Zehs Treideln, Elisabeth Steinkellners Papierklavier, den Anfang von Sophie von La Roches Fräulein von Sternheim sowie einen Ausschnitt aus Theodor Michaels Deutsch sein und Schwarz dazu. Die Diskussionen liefen meist sehr gut und engagiert, oft konnte an Alltagserfahrungen angeknüpft werden. Nach den ersten Sitzungen wurde von Studierenden eine Verunsicherung festgestellt, dass einige nicht mehr wussten, welche Bezeichnungen für welche Gruppen von Menschen passend (und nicht etwa schon wieder kritisiert, überholt oder übergriffig) seien. Die Lektüren haben also auch eine Hinterfragung des eigenen Sprachgebrauchs gebracht.

Zum Abschluss des Semesters schrieben die Studierenden Lektürebiografien und ein Feedback zum Kurs. In Absprache mit den Beteiligten zitiere ich hier aus ihren Texten oder veröffentliche sie als Ganzes – die ausgewählten Texte und Passage stehen auch für andere Texte ähnlichen Inhalts. Für mich waren sie sehr anregend zu lesen und sie haben mich auch nachdenklich gestimmt.

Die Fragestellung war ziemlich offen: In einem ersten Teil sollte es darum gehen, was in der Schule und an der Uni bisher gelesen wurde. Hier zeigten sich größere inhaltliche Überschneidungen (es folgen Zitate aus den Texten der Studierenden):

„Im Fach Deutsch kann ich mich nicht erinnern, ein Buch einer Autorin gelesen zu haben, auch ein Buch mit Veröffentlichung nach 2000 war nicht dabei.“

„Jedoch muss ebenfalls erwähnt werden, wie erschreckend es ist, dass zwischen sämtlichen Werken, die Gegenstand des Deutschunterrichtes waren, nur eine einzige Autorin vertreten war – und zwar Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem Werk Judenbuche.“

Ein Student hat die Lektüre in einer Liste festgehalten:

Schulzeit

· Der gelbe Vogel (Myron Levoy)

· Löcher. Die Geheimnisse von Green Lake (Louis Sacher)

· Der Sandmann (E.T.A. Hoffmann)

· Der gute Mensch von Sezuan (Bertolt Brecht)

· Frau Jenny Treibel (Theodor Fontane)

· Die Verwandlung (Franz Kafka)

· Das Parfum (Patrick Süskind)

· Prinz Friedrich von Homburg (Heinrich von Kleist)

· Faust I (Johann Wolfgang von Goethe)

· Lenz. Der Hessische Landbote (Georg Büchner

An der Uni

· König Ödipus (Sophokles)

· Die Marquise von O…; Das Erbeben in Chili (Heinrich von Kleist)

· Dantons Tod (Georg Büchner)

· Prinz Friedrich von Homburg (Heinrich von Kleist)

· Erec (Hartmann von Aue)

· Iwein (Hartmann von Aue)

· Die Crône (Heinrich von dem Türlin

„In meinem zweiten Master-Semester habe ich Sybille Berg gelesen und somit das erste Mal im Rahmen meines Germanistik-Studiums Texte gelesen, die nicht ein cis Mann geschrieben hat. Dieses Semester habe ich auch ein Seminar über Herta Müller besucht. Die ersten Werke von deutschsprachigen BIPoC Autor*innen habe ich in der Übung “Kanon und Diversität” gelesen. Autorinnen und nicht binäre Schriftsteller*innen waren in meinem Studium so unterrepräsentiert, dass ich sehr lange keine Namen kannte.“

Ausschnitte aus den Rückmeldungen zum Seminar:

„Das Seminar hat – gemeinsam mit [einem früheren von jemand anderem] zu Musil – in diesem Semester meinen Blick auf Literatur stark verändern können. Es hat mir wirklich Spaß gemacht, die Texte zu lesen, vor allem die kompletten Romane. Die literarische Auseinandersetzung mit Themen wie Rassismus, Feminismus etc. hat mein Verständnis dafür weiter geschärft. Auch die Ausschnitte von Duvanel haben mir als überwiegendem Romanleser Lust auf mehr gemacht.

Wenn ich nun auch nicht meine komplette Lektüre auf aktuellere, diversere Literatur umstellen werde, habe ich jetzt einen ersten Einblick in eine für mich neue Welt, die ich weiterhin beobachten und erforschen möchte, gewinnen können.“

„Durch dieses Seminar habe ich erkannt, dass ich in der Schulzeit tatsächlich Bücher, Gedichte, Balladen etc. hauptsächlich von männlichen Autoren gelesen habe, ohne dies jemals wirklich zu registrieren oder hinterfragen, was mich nun ein bisschen erschreckt. Ich denke oder hoffe, dass ich in Zukunft mehr darauf achten werde, wer die Bücher geschrieben hat.“

„Die Autor*innen der in diesem Seminar gelesenen Werke waren mir bisher nicht bekannt und haben meinen Horizont in Bezug auf das eigene Leseverhalten erweitert. Gerade Werke wie „Ellenbogen“ und „Ministerium der Träume“ haben mich durch ihren Perspektivenwechsel begeistert und mir gezeigt, wie eingeschränkt mein bisheriger Blickwinkel auf die Gegenwartsliteratur war. Vor allem für meinen späteren Beruf als Deutschlehrer werde ich diese Erkenntnisse nutzen, um den Blick der Schüler*innen über den klassischen Literaturkanon hinaus zu erweitern.“

„Der Blickwinkel der Diversität, wie er im Seminar war ein neuer für mich, der vorher keine allzu große Rolle spielte. Er bot mir einerseits einen soliden Querschnitt durch für mich allesamt neue Texte und schärfte ich mir ebenso das Auge dafür, auch über den eigenen „Tellerrand“ der gängigen Autoren, die man sowieso schon konsumiert, zu werfen. Insbesondere Otoos „Adas Raum“ begeisterte mich; wozu ich ja bereits tiefergehend mein Essay verfasste. Als zweites prägnantes Schlaglicht, dass mir in Erinnerung bleiben wird, fällt mir direkt Sascha Marianna Salzmanns Essay „Sichtbar“ ein. Nicht nur dieser, sondern auch die anderen Texte aus dem Band „Eure Heimat ist unser Albtraum“ – was ich jedem nur empfehlen kann, sich anzuschaffen – haben meine Sinne geschärft, gerade diesen Themenkomplex im Deutschunterricht zu verorten und nicht aus dem Blick zu verlieren. Denn gerade in Zeiten immer heterogener werdender und diverse Klassen ist es von großer Relevanz, sich mit den Fragen der kulturellen Diversität aktiv und mutig auseinanderzusetzen.“

„Wie ich erst beim Erarbeiten dieser Lesebiografie erkannt habe, hätte ich meine Schulzeit beenden können, ohne jemals eine Autorin gelesen zu haben. Obwohl dies in der Uni nicht mehr so klar der Fall war, gab es auch hier ein klares Ungleichgewicht zugunsten der männlichen Autorenschaft. Auch in mittelalterlichen und antiken Texten fehlt ein diverses Bild vollkommen.

Noch erschreckender als diese Tatsache finde ich aber, dass stark kanonisierte Texte sich für den Schul- und Universitätsbetrieb anscheinend schon so sehr behauptet haben, dass sie im Unterricht zwar besprochen, nicht aber hinterfragt werden. Ich habe, bis zu dieser Übung, noch nie erlebt, dass sich gemeinsam die Frage gestellt wurde, warum der/die Autor:in interessant/relevant ist, oder ob die Schüler:innen bzw. Student:innen sie als problematisch oder unpassend empfinden.“

Und hier folgt noch die Wiedergabe ganzer Lesebiografien:

„In der Grundschule habe ich viele Bücher gelesen, die von Frauen geschrieben wurden. Angefangen mit „Hanno malt sich einen Drachen“ von Irina Korschunow, einer deutsch-russischen Autorin, in dem sich   ein übergewichtiger Junge einen Drachen malt, da er eine keine Freunde hat und gehänselt wird. Auch „Das Vamperl“ von Renate Welsh und die „Geschichten vom Franz“ von Christine Nöstlinger wurden von Autorinnen geschrieben. Zuhause habe ich viele Bücher von männlichen Autoren geschenkt bekommen,  zum Beispiel von Ottfried Preußler oder Erhard Dietl, jedoch waren die Bücher von Astrid Lindgren eigentlich durchgängig meine Lieblingsbücher. Ich habe als Kind leider, soweit ich weiß, nie ein Buch von einer Schwarzen Autorin oder einem Schwarzen Autor gelesen.

Dies blieb auch weiterhin der Fall, als ich in die Pubertät und auf das Gymnasium kam. Dort ging im Deutschunterricht besonders die Zahl der weiblichen Autorinnen extrem zurück, denn die klassische Literatur, die dort gelesen wurde, ist lückenlos von weißen Cis-Männern verfasst   worden. Dies liegt vermutlich daran, dass es bei gewissen Büchern, wie zum Beispiel Goethes „Faust“ einfach erwartet wird, dass man sie gelesen hat und dass diese ‚Klassiker‘ nicht von diversen Autoren stammen, liegt wahrscheinlich in der Zeit, aus der sie stammen.

Im Englischunterricht sah dies jedoch anders aus. Das Buch „The Absolutely True Diary of a Part-Time Indian“ wurde zum Beispiel von Alexie Sherman, einem Schwarzen indianisch-amerikanischen Autor verfasst und handelt von einem Jungen, der in einem Indianerreservat lebt, aber auf eine weiße Schule geht und sein Leben als Außenseiter beider Kulturen beschreibt. In der Oberstufe haben wir uns im Englischunterricht sehr viel mit Rassismus beschäftigt. Buch „To kill a Mockingbird“ wurde auch von einer weiblichen Autorin, nämlich Harper Lee verfasst. Es beschreibt die Kindheit eines aufgeweckten   Mädchens namens Scout, welches mit ihrem Bruder und ihrem Vater in der fiktiven Stadt Maycomb in  Alabama lebt. Die Geschichte spielt von 1933 bis 1935. Besonders an diesem Buch ist meiner Meinung  nach, wie vorurteilslos und engagiert sich der Vater von Scout als weißer Anwalt gegen Rassismus und  für die Rechte von schwarzen einsetzt, deshalb kann ich dieses Buch sehr empfehlen.

In meiner Freizeit habe ich viele Bücher von weiblichen Autorinnen gelesen in denen Liebe und Sexualität eine Rolle spielen, jedoch ging es, soweit ich mich erinnern kann, nie um homosexuelle Liebe.

Auch das Thema Geschlechtsidentität wurde nur in dem Buch „Boy to Girl“ von Terence Blacker aufgegriffen. In diesem Buch soll der Cousin der 13-jährigen Hauptfigur als Mutprobe eine Woche lang als Mädchen verkleidet in die Schule gehen. Er meistert diese Aufgabe so gut wird in kürzester Zeit das   beliebteste Mädchen der Schule wird. Das Buch hat mir damals sehr gut gefallen und ich habe mich durch dieses Buch zum ersten Mal wirklich Gedanken zu diesem Thema gemacht.

In meinem Studium habe ich eine Vorlesung zu Thomas Mann besucht, in der dessen homosexuellen Neigungen auch ein Thema waren. Ansonsten waren bis jetzt jedoch keine diversen Autor*innen in meinem Studium vertreten, weshalb ich mich umso mehr gefreut habe, dass dieses Seminar dieses Semester angeboten wurde und ich viele neue Bücher von diversen Autor*innen kennenlernen konnte.“

„Die Thematik der Diversität im deutschen Kanon hat mich auch schon vor dem Seminar häufig beschäftigt. In der Schule waren alle Pflichtlektüren für das Abitur von weißen Männern geschrieben, was bei mir damals schon Fragen aufgeworfen hat, von meinem Deutschlehrer jedoch nicht als Problem gesehen wurde. Auch bei der Auswahl weiterer Schullektüren kam es zu keinen großen Veränderungen diesbezüglich. Es hat mir vielleicht nicht geschadet, Agnes von Peter Stamm oder Max  Frischs Homo Faber zu lesen, Werke von Frauen zu lesen wäre jedoch eindeutig prägender gewesen.

Vielleicht liegt es an meiner Kurswahl, vielleicht am Lehramtsstudium, aber insgesamt habe ich das Gefühl, an der Uni nicht viel gelesen zu haben. Ich hatte vereinzelte Literaturkurse, in denen jedoch meistens nur ein Autor, z.B. Stefan George, besprochen wurde und der war immer männlich. In Englisch verhielt sich das sehr ähnlich, z.B. hatte ich dieses Semester ein Seminar über die amerikanische Kurzgeschichte, jede Woche wurde ein anderer Autor diskutiert und es war keine einzige Frau dabei. Dabei ist es in diesem Genre noch nicht mal schwer, Vertreterinnen zu finden.

Privat habe ich mich auf einer anderen Ebene mit Diversität in Literatur auseinandergesetzt, da meine Mutter einen Kinder- und Jugendbuchladen hat und häufig von Reklamationen aus absurden Gründen erzählt. Bilderbücher werden beispielsweise zurückgegeben, wenn der Junge in der Geschichte zwei Väter hat. Eine solche Reklamation ist natürlich eher ein Ausnahmefall, nichtsdestotrotz empfinde ich es als erschreckend.

Dieses Seminar hat mir als zukünftiger Lehrerin erneut aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass wir relevant an einer Veränderung mitwirken. Damit meine ich nicht nur diversere Literatur in die Schule einzuführen, sondern auch konkret auf das Problem hinzuweisen und auch die Schüler*innen zur ermutigen die Wahl von Lektüren kritisch zu hinterfragen. Damit möchte ich nicht sagen, dass die Werke, die im Moment als Klassiker des Kanons zählen gar keine Bedeutung mehr haben sollten, sondern diese vielmehr ergänzt werden müssen, sodass sich der Fokus verschiebt.“

„Spontan fallen mir als Schullektüren Mutter Courage und ihre Kinder von Bertolt Brecht sowie Büchners Woyzeck und später im Deutsch Leistungskurs Goethes Faust I und Der Prozess von Kafka ein.

Auch in den Uni-Seminaren haben wir fast ausschließlich Werke von männlichen Autoren gelesen. So erinnere ich mich an Büchners Lenz, Stifters Der Condor und Brigitta und Lessings Emilia Galotti sowie Ausschnitte aus Thomas Manns Die Buddenbrooks und Der Zauberberg. Als einzige weibliche Autorin war Anna Seghers mit Der Ausflug der toten Mädchen vertreten.

Aus Interesse habe ich mir den aktuellen Lehrplan im Schulfach Deutsch in NRW angeschaut und festgestellt, dass es seit meinem Abitur vor vier Jahren keine nennenswerten Veränderungen gegeben hat. Auch meine älteren Geschwister haben damals die gleichen Bücher wie ich im Unterricht behandelt. Es ist einerseits nachvollziehbar, dass bestimmte Werke zu den sog. „Klassikern“ gehören und seit Ewigkeiten auf dem Kanon stehen. Andererseits finde ich es schade, dass vor allem in der Schule keine aktuelleren und leichtgängigeren Bücher gelesen werden, da ich von vielen meiner Mitschüler:innen damals mitbekommen habe, dass diese Schullektüren sie eher abgeschreckt als dazu ermutigt haben, auch in ihrer Freizeit mehr zu lesen.

Wenn ich in mein eigenes Bücherregal schaue, lässt sich (leider) eine Tendenz feststellen, dass mehr Bücher von männlichen Autoren vorhanden sind, welche man eindeutig nicht als „divers“ bezeichnen würde. Mein Buchgeschmack und meine Interessen haben sich über die Jahre aber weiterentwickelt, sodass ich mittlerweile offener für Autor:innen und Themengebiete bin, von denen ich noch nichts gehört bzw. mit denen ich mich noch nicht beschäftigt habe. Die Übung hat mir erneut aufgezeigt, dass die Literatur der Leser:innenschaft ermöglicht, Perspektiven und Sichtweisen von Autor:innen mit anderen Lebensumständen besser nachzuempfinden. Das hat mich besonders in Olivia Wenzels 1000 Serpentinen Angst beeindruckt. Ich finde es wichtig, sich auf Perspektivwechsel einzulassen und die Literatur bietet den perfekten Rahmen dafür. Vielleicht sollte man dann bei der Bewertung des Buches nicht nur Kriterien wie den Plot und den Schreibstil einbeziehen, sondern auch, was man über die Lebenswelt der handelnden Person und ihre persönliche Sicht auf das Umfeld mitnehmen konnte.“

***

Realschule

  • Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann
  • Die Räuber von Friedrich Schiller
  • Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque

Abitur

  • „Corpus Delicti“ von Juli Zeh
  • „Schöne Neue Welt“ von Aldous Huxley
  • „Der Prozess“ von Franz Kafka
  • „Der Report der Magd“ von Margret Atwood
  • „Der Sandmann“ von E.T.A. Hoffmann

Universität

  • „Faserland“ Christian Kracht
  • „Reigen“ von Arthur Schnitzler
  • „Dantons Tod“ von Georg Büchner
  • „Die Verwandlung“ von Franz Kafka
  • „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann
  • „Das Nibelungenlied“

Es fällt auf, dass meine schulische Lesebiografie überwiegend männliche Autoren enthält. Das ich im Abitur Margret Atwood gelesen habe, liegt nur daran, dass mein Lehrer uns die Wahl zwischen verschiedenen Autoren (darunter auch überwiegend männliche Autoren) gelassen hat und ich mich für Margret Atwood entschieden habe.

Bevor ich nach Mainz an die JGU gekommen bin, habe ich ein paar Semester an der Universität Koblenz studiert. Dort besuchte ich ein Seminar das sich ‚Neue Deutsche Literatur‘ nannte, auch dort haben wir nur Werke von männlichen Autoren gelesen (z.B. Kracht, Schnitzler).

Das Seminar Diversität und Kanon hat mir selbst die Augen geöffnet in welcher ‚Tradition‘ die Kanons stehen, etwas worüber ich mir vorher keine Gedanken gemacht habe. Ich finde es ist wichtig, dass die Kanons mit der Zeit mitgehen. Damit meine ich nicht, dass man alle ‚Klassiker‘ komplett aus den Kanons streichen sollte, sondern dass man anderen Werken eine Chance geben sollte in die Kanons aufgenommen zu werden“

„Über meine Lesebiographie in Frankreich muss ich sehr ehrlich sagen, dass ich schon in der Schule die Gelegenheit gehabt habe, die Diversität kennenzulernen. In Collège und Lycée (von 11 bis 18 Jahre alt) kann ich mich erinnern, dass ich schon Werke von viele Autorinnen aus verschiedenen Epochen gelesen habe: Madame de Lafayette, Madame de Sévigné, Colette, Madame de Staël, Olympe de Gouge, Louise Labé, Christine de Pisan, George Sand. Diese Liste ist nicht erschöpfend, aber es muss gesagt werden, dass die männlichen Autoren die überwiegende Mehrheit der Schriftsteller ausmachen.

Ich habe auch einige Bücher über andere Kulturen gelesen, wie zum Beispiel „La Civilisation, Ma mère“ von Driss Chraïbi, oder ein Buch über die Migrationsproblematiken mit dem Beispiel eines chinesischen Kindes in einer  französischen Schule. Alexandre Dumas habe ich auch in der Schule gelesen.

An der Universität (Germanistik) habe ich die größten deutschsprachigen Autoren kennengelernt, die fast immer Männer waren: Goethe, Heine, Lessing, Kafka, Brecht, Schiller, Fontane, Mann, Kant, Nietzsche. Sie waren Europäer, Weiße. Aber einige Autoren waren Frauen wie Judith Butler oder Julia Kristeva.

Mit diesen zwei Autoren habe ich mich an der deutschen Universität mit Thematiken wie die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Identifikation beschäftigt und muss sagen, dass es für mich nicht ganz neu gewesen ist. Was neu gewesen ist, ist dieser Wille, den literarischen Kanon in Frage zu stellen, und diese Autoren aus der Diversität als Model für einen zukünftigen Kanon sich vorzustellen. Ich fand das besonders hilfreich, um eine neue Perspektive auf die deutsche Literatur zu bekommen, und auch, weil diese Autoren aus der Diversität so viele Respekt bedienen, wie die alten weißen und männlichen Autoren des deutschen Kanons, und die Zukunft wird hoffentlich inklusiver sein.“

Fazit zu den Lesebiografien und Konsequenzen für die universitäre Lehre:

Betrachtet man die zentralen Leselisten (bspw. für Hessen und das Jahr 2022 hier: hessisches Zentralabitur Leselisten), dann wird auch in den nächsten Jahren nur Juli Zeh als deutschsprachige Autorin verpflichtend gelesen. Autorinnen zu lesen, scheint (mit dieser Ausnahme) weiterhin freiwillig. Sämtliche Autor*innen auf der Liste sind weiß. Umso mehr scheint mir die Universität ein Ort, an dem bewusst diverser gelesen werden sollte, damit auch zukünftige Lehrpersonen ihren Horizont erweitern und dieses Wissen in die Schule tragen können. Schullektüren und Unilektüren sind verknüpft miteinander. Künftige Lehrplanungen an Instituten sollten dies stärker berücksichtigen.

Bald in der Buchhandlung Ihres Vertrauens: “Frauen Literatur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt” von Nicole Seifert

Im September 2021 erscheint “Frauen Literatur” von Nicole Seifert.

FRAUEN LITERATUR: Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt

Sollte das Geschlecht des Schreibenden eine Rolle spielen bei der Lektüreauswahl? Natürlich nicht, würden wohl die meisten sagen. Und doch werden literarische Werke von Frauen seltener verlegt, besprochen und mit Preisen versehen. Das muss ein Ende haben. Nicole Seifert liefert das Buch zur Debatte – klug, fundiert und inspirierend.

Banal, kitschig, trivial – drei Adjektive, mit denen das literarische Schaffen von Frauen seit Jahrhunderten abgewertet wird. Während Autoren tausende von Seiten mit Alltagsbeschreibungen füllen und dafür gefeiert werden, wird Schriftstellerinnen, die Ähnliches unternehmen, Befindlichkeitsprosa vorgeworfen. Nicole Seifert ist angetreten, die frauenfeindlichen Strukturen im Literaturbetrieb aufzuzeigen. Denn von vielen von Frauen verfassten Büchern hören wir erst gar nicht, weil Zeitungs-, Radio- und Fernsehredaktionen und noch davor Buchverlage eine entsprechende Vorauswahl treffen. Vom Deutschunterricht bis zum Germanistikstudium ist der Autorinnenanteil noch immer verschwindend gering, und so lernen wir von Anfang an: Was literarisch wertvoll ist, stammt von Männern. Nachdem Nicole Seifert drei Jahre lang ausschließlich Literatur von Frauen – Klassiker wie Zeitgenössisches, Bekanntes wie Unbekannteres – gelesen hat, ist klar: Die vielbeschworene »Qualität« ist nicht das Problem. Im Gegenteil: Wir verpassen das Beste, wenn wir in unseren Bücherregalen nicht endlich eine Frauenquote einführen.

Ein Auszug aus dem Buch, der die unterschiedlichen Rezeptionsgeschichten der zeitgleich erschienenen Romane AUS GUTER FAMILIE von Gabriele Reuter und EFFI BRIEST von Theodor Fontane nacherzählt, ist vorab auf nachtundtag.blog erschienen.