von Marília Jöhnk
Mit Blick auf die Literaturgeschichte hat es in den letzten Jahren zahlreiche Revisionen und Neuperspektivierungen gegeben, wovon ja schließlich auch das Projekt #breiterkanon zeugt. Vergleichbare Diskussionen sind bisher für das Feld der Theorie ausgeblieben, das in der universitären Lehre einen großen Stellenwert einnimmt und noch immer von einem männlichen Kanon dominiert wird. Nicht nur der Alltag an den Universitäten zeugt von dieser Schieflage, ein Blick in Überblickswerke in die Ästhetik, Poetik, Literatur- und Kulturtheorie bestätigt den Eindruck: Studierende beschäftigen sich bisher nach wie vor hauptsächlich mit dem Werk männlicher Theoretiker. Margarte Susman oder Käte Hamburger dominieren den Theoriekanon der Literaturwissenschaft ebenso wenig wie Hortense Spiller oder Sara Ahmed die Kulturtheorie. Außerhalb der Hispanistik kennen wenige Gloria Anzaldúa, geschweige denn Josefina Ludmer, Nelly Richard oder Beatriz Sarlo. Die Liste ließe sich um zahlreiche Namen erweitern, denen in der universitären Lehre mehr Präsenz eingeräumt werden sollte – von Barbara Cassin, Laura Mulvey, Eve Kosofsky Sedgwick, bell hooks bis zu Susan Sontag oder Svetlana Boym.
Um die Sichtbarkeit von Theoretiker*innen zu erhöhen, wurde die Online-Enzyklopädie zu Frauen in der Theoriegeschichte ins Leben gerufen, die kontinuierlich wachsen soll. Diese Online-Enzyklopädie ist frei zugänglich und soll Studierende und Lehrende ohne Hürden erreichen. Die bisherigen Beiträge wurden von fortgeschrittenen Studierenden der Goethe-Universität Frankfurt geschrieben, die im Rahmen des Seminars „Neue Narrative der Kulturtheorie“ nach alternativen Wegen des Lesens und Vermittelns von Theorie gesucht haben. Die Beiträge sollen dazu anregen, die Theorie von Frauen zu rezipieren und sich vertiefend mit ihren Texten zu beschäftigen. Wie der Titel schon besagt: Es geht darum, Spuren zu legen. Thematisch ist die Online-Enzyklopädie offen und umfasst Literatur- und Kulturtheorie im weitesten Sinne. Wichtig ist, dass nicht nur das zugängliche Format einen Beitrag zur breiteren Rezeption der Theorie von Frauen leisten soll, sondern auch essayistische und explorative Schreibweisen und kreative Formen, wie sich etwa anhand einer Graphic Novel zu Mieke Baals Kulturanalyse zeigt.
Interessierte können jederzeit Kontakt aufnehmen. Neben den Artikeln umfasst die Website u. a. weitere Informationen zum Projekt und zur Sichtbarkeit der Theorie von Frauen:
Ein ausführlicher Bericht zum Launch der Online-Enzyklopädie kann hier nachgelesen werden:
https://cgc.uni-frankfurt.de/aktuelles/2025-07-09/weibliche-theorie-sichtbar-machen
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Marília Jöhnk (1. Juni 2026). Frauen in der Theoriegeschichte – eine Online-Enzyklopädie im Aufbau. #breiterkanon. Abgerufen am 18. August 2026 von https://doi.org/10.58079/16bfc