von Dîlan Canan Çakir

In den letzten fünf bis zehn Jahren ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur etwas deutlich sichtbar geworden, das lange eher am Rand literaturwissenschaftlicher Aufmerksamkeit stand: Kurdischsein wird zunehmend als eigenständiges Thema, als ästhetische Struktur und als politischer Erfahrungsraum in der Literatur erzählt. In Romanen von Fatma Aydemir, Mely Kiyak, Ronya Othmann, Cemile Sahin, Beliban zu Stolberg und Karosh Taha begegnet Kurdischsein nicht nur als Herkunftsangabe. Es erscheint als Frage, als Leerstelle, als Konflikt, als Erinnerungspflicht, als Sprache, die verloren geht oder nie ganz besessen wurde. Die hier erwähnten Autor*innen erzählen in ihren Romanen von Familien, Tod, Krankheit, Liebe, Einsamkeit, Gewalt, Krieg, Queerness, Freundschaft und Migration. Doch sie verbindet eine wiederkehrende Bewegung: Figuren fragen sich, was es bedeutet, kurdisch zu sein, besonders dann, wenn es keinen Staat gibt, der diese Zugehörigkeit eindeutig bestätigt, keine allgemein geteilte Sprache gesprochen wird, kein stabiles Archiv ihre Geschichte dokumentiert und es keine ungebrochene und institutionalisierte Weitergabe von ihren Geschichten gibt.
Kurdischsein ohne Gewissheit
In diesen Romanen erscheint Kurdischsein zunächst nicht als selbstverständlich, sondern als etwas, das entdeckt, rekonstruiert oder behauptet werden muss. In Aydemirs Dschinns etwa steht am Anfang der Tod des Vaters. Mit ihm verschwindet eine Generation, deren Geschichte kaum erzählt, kaum archiviert, kaum öffentlich sichtbar wurde. Die Kinder müssen sich zu einer Herkunft verhalten, die in der Familie zwar anwesend war, aber oft verschwiegen blieb. Eine der zentralen Aussagen lautet: „Wenn wir nicht sagen, dass wir Kurden sind, dann gibt es uns nicht.“ Kurdischsein wird performativ. Es entsteht nicht durch Pass, Staat oder Institution, sondern durch ein Bekenntnis: Ich bin Kurd*in. Ich gehöre zu einer Geschichte, auch wenn sie mir nur bruchstückhaft überliefert wurde. Ähnliche Konstellationen finden sich bei Taha. In Im Bauch der Königin erscheint Kurdistan für eine junge Figur als „Begriff ohne Körper“, ein Ort, den man aus dem Fernsehen kennt, aber nicht aus eigener Erfahrung. Auch bei Utlu, dessen Vaters Meer hier ergänzend genannt werden kann, taucht das Wort „Kurde“ zuerst medial auf: in der Tagesschau. Kurdische Identität wird also nicht selbstverständlich familiär vermittelt, sondern häufig über Umwege: Nachrichten, Erzählungen, Lücken, Scham, Missverständnisse.
Literatur als Gegenarchiv
Die Romane übernehmen in gewisser Weise auch eine archivarische Funktion. Sie bewahren Geschichten, die in offiziellen Archiven selten vorkommen oder unter nationalen Kategorien (wie türkisch, syrisch, irakisch, iranisch) verschwinden. Kurdische Erfahrungen wurden in der deutschen Migrationsgeschichte oft unter „türkischer Migration“ subsumiert. Gerade die sogenannte Gastarbeiter*innengeschichte ist davon geprägt. Viele kurdische Biografien wurden als türkische Biografien gelesen, wodurch spezifische Erfahrungen von Sprachverbot, politischer Verfolgung, Alevitentum, Jesidentum, Flucht und staatlicher Gewalt weniger sichtbar blieben. Die neuste deutschsprachige Literatur arbeitet gegen diese Unsichtbarkeit an. Zu Stolbergs Zweistromland lässt die Protagonistin in Amed/Diyarbakır tatsächlich ein Archiv aufsuchen. Dort findet sie Spuren der politischen Arbeit ihrer Eltern. Erinnerung ist in diesem Roman nicht einfach vorhanden. Sie muss gesucht werden. Manchmal unter Gefahr und manchmal gegen familiäres Schweigen. Auch Mely Kiyaks Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an ist ein Erinnerungsroman. Der schwer kranke Vater erzählt seiner Tochter von kurdisch-alevitischer Geschichte, von Gewalt, Flucht, Familiengeschichten und politischen Kämpfen. Die Erzählung steht unter Zeitdruck, denn was nicht erzählt wird, droht mit dem Vater zu verschwinden. Bei Othmann wird diese dokumentarische Funktion besonders sichtbar. Die Sommer und noch stärker Vierundsiebzig stellen die Frage, wie man über Gewalt, Genozid und jesidisch-kurdische Geschichte schreiben kann. In Die Sommer mahnt der Vater seine Tochter: Sie dürfe nie vergessen, dass sie Kurdin sei. In Vierundsiebzig wird das Schreiben selbst poetologisch reflektiert. Literatur wird damit nicht bloß zum Medium der Fiktion, sondern auch zur Form des Zeugnisablegens. Gerade in Othmanns bisherigem Œuvre lässt sich vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen eine bemerkenswerte Verschiebung beobachten. Während Die Sommer noch eindeutig als Roman angelegt ist und innerhalb eines fiktionalen Rahmens operiert, beginnt diese Grenze in Vierundsiebzig zunehmend zu verschwimmen. Der Text bewegt sich bereits deutlich in Richtung dokumentarischer Formen und nähert sich stellenweise der Reportage an. Mit ihrem dritten Buch Rückkehr nach Syrien (2025) vollzieht Othmann schließlich einen konsequenten Schritt: Sie verzichtet vollständig auf fiktionale Elemente und wendet sich einer sachbuchartigen Darstellung zu, um den Völkermord an den Jesid*innen zu thematisieren. Diese Entwicklung lässt sich auch als ästhetische Reaktion auf die Dringlichkeit der verhandelten Themen lesen. Die Konflikte, die mit Kurdischsein verbunden sind, erscheinen so aktuell und politisch brisant, dass die Mittel der Fiktion zunehmend an ihre Grenzen geraten.
Vergessen als zentrales Motiv
Das vielleicht stärkste verbindende Motiv dieser Romane ist das Vergessen. Darf man die eigene Geschichte vergessen? Darf man sie verschütten? Darf man nach ihr suchen? Diese Fragen durchziehen die Texte. Das Vergessen ist dabei nie nur individuell. Es ist politisch produziert. Kurdische Geschichte wurde in vielen Kontexten unterdrückt, umgeschrieben oder ausgelöscht. Sprache wurde verboten, Namen wurden geändert, kulturelle Praktiken kriminalisiert. Die Figuren in den Romanen leben mit den Folgen dieser Gewalt, und zwar auch dann, wenn sie in Deutschland geboren wurden. Die jüngere Generation steht oft vor einer paradoxen Situation: Sie soll sich erinnern, aber sie hat vieles nie erfahren. Sie soll eine Sprache bewahren, die sie kaum spricht. Sie soll eine Geschichte weitertragen, die nur fragmentarisch überliefert wurde. Genau daraus entstehen die erzählerischen Konflikte dieser Literatur.
Sprache, Verlust und „Kurdeutsch“
Kurdischsein wird in den Romanen eng mit Sprache verbunden, aber nicht einfach im Sinne von: Wer Kurdisch spricht, ist kurdisch. Vielmehr zeigen die Texte, wie kompliziert dieses Verhältnis ist. Viele Figuren sprechen kaum oder gar kein Kurdisch. Sie empfinden beispielsweise Scham darüber, dass ihr Englisch besser ist als ihre sogenannte Muttersprache. Andere wissen nicht einmal genau, welche Sprache ihre Eltern oder Großeltern miteinander gesprochen haben. In Aydemirs Dschinns entsteht daraus eine fast komische Szene. Einer der Protagonisten hört seine Mutter plötzlich in einer Sprache sprechen, die er als Kurdisch vermutet, und fragt sich, ob seine ganze Familie kurdisch ist, ohne dass er es wusste. Die Situation ist absurd und gerade dadurch aufschlussreich. Herkunft, Identität und Sprache fallen nicht selbstverständlich zusammen. Taha treibt diese Sprachfrage poetisch weiter. In Im Bauch der Königin imaginiert eine Figur eine Sprache namens „Kurdeutsch“, eine hybride Sprache, die Deutsch und Kurdisch verbindet und dadurch eine neue Form von Zugehörigkeit ermöglicht. Dieser spielerischer Einfall zeigt den Wunsch nach einer Sprache, die den Erfahrungen postmigrantischer Figuren besser entspricht als die alten nationalen Kategorien. Die Figuren bewegen sich zwischen Sprachen (Kurdisch, Deutsch, Türkisch, Arabisch), aber keine Sprache gehört ihnen ganz. Gerade diese sprachliche Zwischenposition wird literarisch produktiv gemacht.
Kurdischsein als erzählerischer Motor
Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist auffällig, wie viele narrative Anlässe das Thema Kurdischsein bietet: Familiengeheimnisse, Sprachverlust, politische Verfolgung, Migration, Generationskonflikte, Reisen in die Herkunftsregionen, bürokratische Missverständnisse, mediale Bilder, Gewaltgeschichte und Identitätssuche. Kurdischsein funktioniert in diesen Romanen auch als Plotmotor. Figuren überschreiten (semantische) Grenzen: geografische, sprachliche, soziale, familiäre. Sie reisen nach Kurdistan oder versuchen, Kurdistan überhaupt erst zu verstehen. Sie wechseln zwischen Deutschland und den Herkunftsgeschichten ihrer Eltern. Sie bewegen sich zwischen Schweigen und Erzählen, zwischen Assimilation und Selbstbehauptung. In Sahins Kommando Ajax wird diese Absurdität besonders drastisch: Ein kurdischer Asylsuchender wird aufgrund eines Missverständnisses als aus Kuba stammend registriert. Die Szene zeigt, wie wenig staatliche Bürokratien über kurdische Identität wissen oder wissen wollen. Kurdischsein wird falsch gehört, falsch übersetzt und oft falsch eingeordnet.
Gewalt und die Angst vor Verfolgung
Nahezu alle Texte verweisen auf Gewalt gegen Kurd*innen. Diese Gewalt erscheint als historische Erinnerung, als Familiengeschichte, als politischer Hintergrund oder als unmittelbare Bedrohung. In den Romanen geht es um Sprachverbote, Militärgewalt, Flucht, Folter, Verschwindenlassen, Genozid, Krieg und strukturelle Ausgrenzung. Besonders Sahins Alle Hunde sterben arbeitet mit Formen des fiktiven Dokumentierens. Figuren berichten von Gewalt und fordern: „Schreiben Sie das auf.“ Der Roman stellt damit die Frage, wer Zeugnis ablegen kann, wer zuhört und was Literatur dokumentieren darf oder muss. Obwohl der Text nicht durchgehend explizit kurdische Identität benennt, steht er deutlich im Zusammenhang militärischer Gewalt in kurdisch geprägten Regionen der Türkei. Sahin vermeidet dabei eine einfache Täterfixierung und öffnet den Blick auf Gewalt als globale Erfahrung.
Warum gerade jetzt?
Dass diese Themen in den letzten Jahren auf dem deutschen Buchmarkt so sichtbar geworden sind, hat sicher verschiedene Gründe. Deutschland hat die größte kurdische Diaspora Europas. Hunderttausende Menschen mit kurdischer Geschichte leben hier. Flucht, Krieg, politische Repression und diasporische Selbstorganisation prägen diese Gegenwart. Diese Erklärung genügt allein allerdings in der Logik des Buchmarktes nicht. Die hier behandelten Autor*innen veröffentlichen bei etablierten Verlagen, erhalten bedeutende Preise und Nominierungen, werden übersetzt, zu internationalen Veranstaltungen eingeladen und sind inzwischen auch institutionell verankert, etwa durch Lehrtätigkeiten im universitären Kontext. Diese Sichtbarkeit könnte darauf hindeuten, dass Erzählungen, die sich nicht entlang klarer nationaler Kategorien organisieren lassen, sondern vielmehr von transnationalen, mehrsprachigen und konflikthaften Erfahrungsräumen ausgehen, im gegenwärtigen literarischen Feld auf besonderes Interesse stoßen. Gerade die Tatsache, dass Kurdischsein nicht an eine staatlich fixierte nationale Identität gebunden ist, eröffnet eine Vielzahl komplexer Erzählkonstellationen: Geschichten, die sich über mehrere Länder, Sprachen und politische Kontexte hinweg entfalten und dabei unterschiedliche Konfliktlagen miteinander verschränken. Der Erfolg dieser Texte ließe sich somit auch als ein mögliches Indiz dafür lesen, dass eine breitere Öffentlichkeit (vermittelt über den Literaturmarkt) ein wachsendes Interesse an solchen vielschichtigen, grenzüberschreitenden Narrativen entwickelt. Für die Germanistik ergibt sich daraus eine wichtige Aufgabe. Bisher wurden viele dieser Texte im Rahmen der Turkish German Studies gelesen. Das ist naheliegend, greift aber oft zu kurz. Denn viele vermeintlich „türkisch-deutsche“ Geschichten enthalten kurdische, alevitische, jesidische oder andere minorisierte Perspektiven, die nicht einfach in einer türkischen Nationalkategorie aufgehen. Es geht daher nicht darum, Turkish German Studies zu ersetzen. Vielmehr muss das Feld erweitert und differenziert werden. Kurdische Perspektiven machen sichtbar, wie komplex Migration, Sprache, Religion, Ethnizität und Gewaltgeschichte ineinandergreifen. Sie stören einfache Herkunftserzählungen.
Die hier betrachteten Romane erzählen nicht nur von Kurdischsein. Sie stellen selbst Formen des Erinnerns her. Sie bewahren Geschichten, die bedroht sind, vergessen zu werden. Sie zeigen, wie Identität entsteht, wenn staatliche Anerkennung fehlt. Sie erzählen von Sprache, die verboten wurde, verloren ging oder neu erfunden werden muss. Sie machen sichtbar, dass Archive nicht neutral sind und dass Literatur dort einsetzen kann, wo offizielle Geschichtsschreibung Lücken lässt. Kurdischsein erscheint in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur als offene, bewegliche und konfliktreiche Kategorie. Die Romane von Aydemir, Kiyak, Othmann, Sahin, zu Stolberg und Taha zeigen, dass deutsche Literatur der Gegenwart nur verstanden werden kann, wenn man ihre kurdischen Spuren ernst nimmt.
Dieser Beitrag ist eine komprimierte Fassung des Aufsatzes Çakir, Dîlan Canan: Kurdishness in Contemporary German Literature (2018–2024). An Analysis of Novels by Aydemir, Kiyak, Othmann, Sahin, zu Stolberg, and Taha In: Turkish German Literary Studies: Canonical (Re)Considerations and Archival (Re)Animations, hg. v. Ela Gezen (erscheint 2026).
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Dîlan Canan Çakir (26. Mai 2026). Kurdischsein in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. #breiterkanon. Abgerufen am 18. August 2026 von https://doi.org/10.58079/169tg