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Interview mit Zarifa Mamedova vom Verlag dimidium mundi

von Alina Renner

Der junge Münchner Verlag dimidium mundi hat sich einer besonderen Aufgabe verschrieben: der Erweiterung des literarischen Kanons durch einen Fokus auf bedeutende Schriftstellerinnen, deren Werke heute oft zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Wir haben mit Geschäftsführerin Zarifa Mamedova über die Entstehung des Verlags und seine Mission gesprochen.

Was macht dimidium mundi beziehungsweise welches Ziel verfolgt der Verlag?

Unser Motto lautet: Publishing the half that has been missing – Die fehlende Hälfte herausbringen. Wir wollen den Weltliteraturkanon ausweiten und stellen den Anspruch an uns selbst, in zehn Jahren dazu beigetragen zu haben, dass mehr als nur zwei Frauen kanonisiert werden. Das ist für uns in erster Linie eine literaturhistorische Aufgabe und weniger eine kulturpolitische.

Der Grund, warum wir das tun wollen, liegt darin, dass Literatur einer der Orte ist, an denen eine Gesellschaft ihr Selbstverständnis hinterlässt. In Romanen, Erzählungen, Tagebüchern und Briefen bewahren wir nicht nur Geschichten, sondern unsere Erfahrungen, Hoffnungen, Irrtümer und Sehnsüchte, kurz: alles, was das Menschsein ausmacht. Wenn ein großer Teil dieser Erfahrungen über Jahrzehnte hinweg nicht mehr gelesen wird, verlieren wir nicht nur einzelne Autorinnen. Wir verlieren Perspektiven auf das Menschsein selbst. Deshalb empfinde ich die Wiederentdeckung vergessener Schriftstellerinnen als eine humanistische Notwendigkeit.

dimidium mundi bedeutet so viel wie „die Hälfte der Welt“ – welche Hälfte ist hier gemeint und wieso?

Mit der „Hälfte der Welt“ meinen wir zum einen uns Frauen, zum anderen den Globalen Süden und Globalen Osten. Als Literaturwissenschaftlerin, ehem. Gleichstellungsbeauftragte und Hochschuldozentin habe ich oft erlebt, wie Frauen als marginale Gruppe behandelt wurden, sowohl in Sitzungen von Berufungskommissionen als auch in meinen Seminaren zu Gender Studies und Frauenbewegungen.

Das Erstaunliche dabei war: Auch wir Frauen neigen dazu, uns selbst als marginalisiert und benachteiligt wahrzunehmen. Aus meinen langjährigen Studien zu Machtungleichgewichten in der Wissenschafts- und Diskursgeschichte weiß ich natürlich, dass „Marginalität“ hier die ungleiche Verteilung von Macht meint. Dennoch fand ich diese Haltung bemerkenswert. Wir Frauen machen die Hälfte der Menschheit aus und geben der ganzen Menschheit das Leben – und dennoch fügen wir uns in die marginale Rolle. Immer wieder sah ich, wie wenig wir uns trauen, den Platz einzunehmen, der uns zusteht: sei es aus Respekt vor dem Doktorvater, sei es aus Rücksicht auf Studierende, sei es aus Vernunft oder Schüchternheit.

In meinen Augen spiegelt sich dieser Missstand auch in der Literaturgeschichte wider. Wir lassen uns zu schnell einreden, dass Werke, die wir erschaffen haben, unter die Kategorie „diverse Literatur“ oder „Literatur marginalisierter Gruppen“ fallen. Daher war es mir von Anfang an wichtig, die eigentliche Tatsache vor Augen zu führen: Man kann nicht per definitionem vom Weltliteraturkanon sprechen, wenn die Hälfte fehlt – wir, die Frauen.

Was war der Auslöser für die Gründung des dimidium mundi Verlags?

Ich würde hier weniger das Wort „Auslöser“ verwenden wollen. Ich sehe es vielmehr so, dass wir gerade einen großen Bedarf an Autorinnen haben. Laut Branchenangaben macht die Belletristik mit einem stabilen Anteil von 35% nach wie vor den Löwenanteil des Branchenumsatzes aus und verzeichnet konstantes Wachstum. Dabei wird Belletristik zu 56% von Frauen gekauft: 57% davon sind Frauen über 50, weitere 18% Frauen über 40. Das sind Frauen mit viel Erfahrung, auf der Höhe ihres Könnens, in Schlüsselpositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und staatlichen Institutionen. Diese Frauen lesen sowohl Bücher von Männern als auch von Frauen, interessieren sich aber zunehmend für Autorinnen.

Viele große Häuser nehmen diesen Bedarf ebenfalls wahr und bringen zeitgenössische Autorinnen auf den Markt. Allein der Nobelpreis ging in den letzten zehn Jahren viermal an Autorinnen. Gleichzeitig dominieren auf den Klassiker-Regalen nach wie vor Männer. Ich sehe hier einen großen Nachholbedarf, schon allein daran erkennbar, dass es tausende verschiedene Ausgaben von Jane Austen und den Brontë-Schwestern, von Simone de Beauvoir gibt, aber darüber hinaus kaum mehr. Die breite deutschsprachige weibliche Leserschaft weiß wenig über die literarischen Größen der anderen Teile der Welt: Asien, Afrika, Ozeanien, Süd- und Nordamerika.

Warum braucht die Welt noch einen neuen Verlag – und warum gerade jetzt?

Im Russischen gibt es ein schönes Sprichwort: Jesli na njebe zaschigajutsja swjosdý, to snatschit oni komu-to nuschny – Wenn am Himmel Sterne entzündet werden, dann braucht sie wohl jemand. Dieses Sprichwort bringt, auf eine typisch russische romantisierende Art, das Prinzip von Angebot und Nachfrage auf den Punkt.

Neben dem Bedarf, den ich eben angesprochen habe, möchte ich an dieser Stelle auf die Künstliche Intelligenz eingehen – und insbesondere auf die allgemeine Künstliche Intelligenz. In der Verlagsbranche sorgt die KI derzeit für hitzige Debatten. Zum einen trainieren Entwickler ihre Large Language Models auch mit literarischen Werken, deren Urheberrecht noch nicht freigegeben ist, und verletzen damit die Rechte vieler Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Zum anderen haben einzelne Bestseller negative Schlagzeilen gemacht, weil sich herausstellte, dass ihr Text vollständig durch KI erzeugt worden war. Darüber hinaus stellen einige neue Verlage ihre Sachbuchproduktion vollständig auf KI-generierte Inhalte um. Dass ein solcher Vorstoß auch in die Belletristik erfolgen wird, halte ich für eine Frage der Zeit.

Ich finde, jetzt ist ein kritischer Moment, in dem wir uns ganz besonders auf unsere Literaturgeschichte besinnen müssen und zwar nicht jene, die uns durch den Filter männlicher Autorschaft überliefert wurde, sondern ungefiltert, mit dem Fokus auf weibliche Autorschaft. Bedenken Sie nur, was geschieht mit den Stimmen, Gattungsformen, narrativen Strategien und ästhetischen Verfahren, die bereits aus unserem kulturellen Gedächtnis verschwunden sind?! Wenn großartige Schriftstellerinnen über Jahrzehnte nicht mehr gelesen, gedruckt, übersetzt oder diskutiert werden, verschwinden sie nicht nur aus den Buchhandlungen. Sie verschwinden womöglich auch aus den Wissensräumen der Zukunft. Denn die Frage lautet nicht nur, welches Wissen wir an die nächste Generation weitergeben, sondern auch, welches Wissen wir an die Systeme weitergeben, die künftig einen Teil unseres Wissens organisieren werden. Deshalb braucht es Verlage, die sich dezidiert mit der Literaturgeschichte auseinandersetzen.

Welche Auswahl wird bei dimidium mundi angeboten? Was sind die nächsten Texte, die veröffentlicht werden?

Im September erscheint bei uns Milada Součkovás zweites Werk Amor und Psyche, zum ersten Mal ins Deutsche übertragen von Doris Kouba, deren Übersetzungsarbeit vom Tschechischen Ministerium für Kultur im Rahmen von Czechia 2026 gefördert wird. Im nächsten Jahr sind Autorinnen aus Asien und Ozeanien vorgesehen: Mahshid Amirshahi (Iran) und Janet Frame (Neuseeland). Beide Autorinnen werden von ihren Landsleuten verehrt, und das Werk beider stellt jeweils einen Meilenstein in der Literaturgeschichte ihrer Nation dar. Zudem laufen derzeit Verhandlungen zu einer Reihe europäischer und afrikanischer Autorinnen, über die wir noch keine Auskunft geben können.

Generell konzentrieren wir uns momentan auf Romane und Erzählungen, also auf Prosa. In naher Zukunft planen wir, unser Programm auf weitere Literaturgenres auszuweiten.

Es gibt zunehmend Interesse an ,diversen Stimmen‘ im Literaturbetrieb – oft aber als Trend. Wie vermeiden Sie, dass marginalisierte Literatur bei Ihnen lediglich Marketinglabel ist?

Ich lese aus dieser Frage die berechtigte Kritik heraus, dass Verlage – besonders große Häuser – den Profit in den Vordergrund stellen und wichtige Themen nur als gewinnbringende Trends behandeln. Das liegt oft an den hohen Fixkosten großer Verlage. Diese Logik gilt zum Glück nicht für uns, die kleinen und unabhängigen Häuser. Wir haben zwar nicht die Reichweite der großen und etablierten Verlage, aber wir bleiben unserer Sache treu. Verlage wie Das Vergessene Buch, Guggolz, AvivA und Orlanda leisten nach wie vor wunderbare Arbeit und sind ihrer anfänglichen Mission oft auch nach 20 Jahren auf dem Markt treu geblieben.

Der Grund dafür: Während große Häuser auf Marktdominanz und damit Gewinnmaximierung setzen, setzen kleine Häuser auf Nischen und verschreiben sich einer bestimmten Mission, die in ihrer DNA eingeschrieben ist. Das gesamte Geschäftsmodell baut auf dieser Mission auf wie etwa beim Verlag Das Vergessene Buch, der tatsächlich vergessene Bücher herausbringt. Auch wir sind ein unabhängiger Verlag, auch wir sind der Mission verpflichtet, den Kanon der Weltliteratur zu erweitern und auch bei uns ist das in unsere DNA eingeschrieben: Die fehlende Hälfte herausbringen.

Sie bezeichnen sich als Verlag für „Weltliteratur von Frauen“. Wie stehen Sie dazu, dass dieser Fokus zwar Sichtbarkeit schafft, zugleich aber die Gefahr birgt, eine Trennung zwischen „Weltliteratur“ und „Weltliteratur von Frauen“ zu reproduzieren – also ein Othering zu verstärken, anstatt es aufzulösen?

Es bricht mir das Herz, dass man heute noch von „Othering“ spricht, sobald es „… von Frauen“ heißt. Um zu verstehen, warum das falsch ist, muss man sich zunächst vergegenwärtigen, wie Othering funktioniert: Der performative Akt des Othering vollzieht sich aus einer Machtposition heraus. Vereinfacht gesagt: Wer die Macht hat, wer die Hegemonie ausübt, bestimmt, was als normal gilt und was nicht. Diese schlichte Tatsache eröffnet uns Frauen heute viele Handlungsspielräume.

Man muss natürlich auch anerkennen: Mit Worten allein lässt sich die Welt nicht verändern. Es braucht Taten. Für den Verlag bedeutet das dreierlei: Erstens eine Öffentlichkeitsarbeit, die das Bewusstsein der Öffentlichkeit dafür schärft, dass der Literaturkanon bislang nicht die Welt abbildet, sondern nur ihre Hälfte und zwar die männliche Hälfte. Zweitens die enge Zusammenarbeit mit der bestehenden Forschung zu vergessenen Großmeisterinnen der Erzählkunst; allein im Rahmen der Gemeinschaft des #breiterkanon ist inzwischen enorm viel geleistet worden. Und drittens die Kooperation auf bildungspolitischer Ebene mit Universitäten und Schulen, damit wir Verlage die Kanonisierung gemeinsam mit Wissenschaft und Lehre an der Wurzel anpacken und umgestalten können.

Entscheidend ist, dass wir Frauen die Macht, die uns zur Verfügung steht, auch wahrnehmen und nutzen. Nur so lässt sich dem Othering entgegenwirken: Die Worte folgen dann von selbst.

Warum fiel die Wahl ausgerechnet auf Die Lust am Manne als erste Veröffentlichung des Verlags? Warum ist dieses Buch Ihrer Ansicht nach über Jahrzehnte aus dem literarischen Gedächtnis verschwunden?

Olga Wohlbrück ist eine Erscheinung, die man eigentlich nicht übersehen kann und die man dennoch übersehen hat. 1867 in Wien geboren, aufgewachsen in Russland, erste Theatererfahrungen in Paris, dann jahrzehntelang im Herzen des Berliner Kulturlebens. Sie spielte an der Freien Volksbühne und am Königlichen Schauspielhaus, gründete ihr eigenes Theater, das Figaro-Theater, schrieb Romane, Novellen, Theaterstücke und Drehbücher. Und 1913 führte sie Regie bei einem Film als erste Frau, die das in Deutschland nachweislich getan hat. Sie schrieb Romane, die zu Bestsellern wurden und mehrfach verfilmt wurden. Eine Frau, die in nahezu jedem Bereich der Kulturproduktion ihrer Zeit präsent und erfolgreich war. Wohlbrück starb 1933, in dem Jahr, in dem in Deutschland eine Kulturpolitik begann, die für Autorinnen mit ihrem Profil keinen Platz vorsah. Ihre Werke gerieten aus dem Druck, und niemand hat sie seither systematisch zurückgeholt. Das ist das stille Verschwinden, das kein Drama hat und gerade deshalb so schwer rückgängig zu machen ist, weil es kein Verbot, keinen Skandal gab. Ihrem Tod folgte nur das allmähliche Verstummen ihrer Stimme.

Foto des Buchs "Die Lust am Manne" von Olga Wohlbrück

Die Lust am Manne ist ihr letzter Roman, der schon im Titel eine Provokation trägt. Er handelt von Begehren, von weiblicher Autonomie, von den Widersprüchen, in denen eine Frau um 1900 lebte, wenn sie ihr eigenes Leben führen wollte. Wohlbrück schrieb aus der Mitte dieser Widersprüche heraus, als Frau, die dreimal verheiratet war, die ihren Lebensunterhalt selbst verdiente, die scheiterte und aufstand und weitermachte. Das Buch ist so zeitgemäß, dass man es kaum glauben kann. Unsere erste Veröffentlichung musste ein Buch sein, das zeigt, was wir meinen, wenn wir von der fehlenden Hälfte sprechen: nicht ein Kuriosum, nicht ein historisches Dokument, sondern ein lebendiger, fordernder, lesenswerter Roman.

Wenn Leser*innen sich nur einen einzigen Grund merken sollen, warum sie Ihren Verlag verfolgen sollten: Welcher wäre das?

Weil wir eine Gemeinschaft brauchen, keine Zielgruppe. Einen Kanon zu erweitern ist kein verlegerisches Einzelprojekt. Es ist ein langer, kollektiver Prozess, der Verlage braucht, die publizieren, Wissenschaftlerinnen, die forschen, Lehrerinnen, die lesen lassen, und Leserinnen, die weiterempfehlen. Jede dieser Rollen zählt, und keine reicht allein. Was wir bei dimidium mundi aufbauen wollen, ist deshalb nicht nur ein Verlagsprogramm, sondern eine Gemeinschaft von Frauen, die von derselben Frage bewegt werden: Was haben wir verpasst und was wird möglich, wenn wir es zurückholen?