von Dîlan Canan Çakir
Die Einakter (also ein kurzes Theaterstück in nur einem Akt) aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert sind heute kaum mehr bekannt. Sie fehlen weitgehend im Kanon, werden selten aufgeführt und spielen in literaturhistorischen Überblicken meist nur eine marginale Rolle. Dabei handelte es sich im 18. und frühen 19. Jahrhundert um eine außerordentlich populäre Gattung, die zeitweise einen erheblichen Anteil am Theaterrepertoire ausmachte. Diese Diskrepanz zwischen historischer Präsenz und kanonischer Abwesenheit wirft grundlegende Fragen nach den Mechanismen literarischer Auswahl und Tradierung auf. Ein Grund für die damalige Verbreitung der Einakter liegt in der Struktur des Theaterabends. Dieser war im 18. Jahrhundert nicht auf ein einzelnes Stück beschränkt, sondern bestand aus mehreren Teilen. Vor dem Hauptstück wurde ein sogenanntes Vorspiel aufgeführt, nach einer Tragödie folgte häufig ein Nachspiel. Gerade diese Nachspiele waren oft Einakter. Ihre Funktion war klar umrissen: Sie sollten unterhalten, emotional entlasten und den Theaterabend abrunden. Dass auf eine Tragödie ein komisches Stück folgt, ist ein Prinzip, das sich bis in die antike europäische Theaterpraxis zurückverfolgen lässt. Diese Praxis stand jedoch in einem Spannungsverhältnis zu den ästhetischen Programmen der deutschen Aufklärung und Theaterreformer*innen im 18. Jahrhundert. Dramatiker*innen wie Lessing formulierten den Anspruch, das Theater solle als moralische Anstalt wirken und beim Publikum Empathie sowie sittliche Reflexion fördern. Die tatsächliche Theaterpraxis zeigte jedoch, dass ein rein didaktisches Programm kaum tragfähig war. Das Publikum verlangte Unterhaltung, und die Theater waren zunehmend auf wirtschaftlichen Erfolg angewiesen. In diesem Spannungsfeld etablierte sich der Einakter als eine Form, die es erlaubte, moralischen Anspruch und unterhaltende Elemente miteinander zu verbinden.
Besonders prägend für die Popularisierung der Einakter war August von Kotzebue, der als einer der erfolgreichsten Dramatiker seiner Zeit gilt. Mit seinem Almanach dramatischer Spiele zur geselligen Unterhaltung auf dem Lande verfolgte er ein dezidiert populäres Programm, das das Theater unter anderem mit den im Almanch gedruckten Einaktern auch demokratisieren sollte. Theater sollte nicht nur auf professionellen Bühnen stattfinden, sondern auch im privaten Raum. Die formalen Eigenschaften der Einakter (ihre Kürze, die geringe Anzahl an Figuren, der geringe Aufwand an Bühnenbild und Kostüm) machten sie ideal für Aufführungen im Laientheater. Kotzebue hatte zahlreiche Nachahmer*innen, immer mehr Einakter wurden auch für diesen privaten Zweck geschrieben. Gleichzeitig wurden Einakter bereits zeitgenössisch als „leichte“ oder „triviale“ Form wahrgenommen. Viele Autor*innen nutzten sie als Einstieg in ihre schriftstellerische Tätigkeit, selbst kanonische Autor*innen wie Goethe oder Lessing verfassten Einakter, ohne ihnen denselben ästhetischen Rang wie ihren größeren Dramen zuzuschreiben. Diese frühe Abwertung dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass die Gattung später kaum in den Kanon aufgenommen wurde. Der literarische Kanon privilegiert traditionell umfangreiche, als ästhetisch anspruchsvoll geltende Werke, nicht jedoch kurze, populäre und funktional gebundene Formen.
Aus literaturhistorischer Perspektive ist diese Auslassung jedoch problematisch. Einakter bieten einen unmittelbaren Zugang zur Theaterpraxis ihrer Zeit. Sie zeigen nicht nur, wie Aufführungen strukturiert waren, sondern auch, welche Themen und Konflikte für ein zeitgenössisches Publikum relevant waren. Trotz ihrer häufigen Klassifizierung als Unterhaltungsstücke greifen viele Einakter gesellschaftliche und politische Fragen auf. So gilt Lessings früher Einakter Die Juden als eines der ersten projüdischen Dramen im Deutschen, während Julius von Voß in Liebe im Zuchthause soziale Missstände mit bemerkenswerter Deutlichkeit thematisiert. Auch andere Stücke zeigen eine überraschende thematische Breite: von Kritik an staatlicher Gewalt bis hin zu medizinischen Debatten, etwa zur Impfung im Einakter Die Kuhpocken.
Die systematische Erforschung dieser Gattung war lange Zeit erschwert, da kein umfassendes Korpus existierte. Aus diesem Grund wurde die digitale Datenbank deutschsprachiger Einakter (einakter.dracor.org) ins Leben gerufen. Ziel dieses Projekts ist es, erstmals einen möglichst vollständigen Überblick über deutschsprachige Einakter zwischen etwa 1740 und 1850 zu ermöglichen. Die Datenbank versteht sich explizit als Erschließung eines nicht-kanonischen Dramenkorpus und versammelt umfangreiche Metadaten zu über 2800 Stücken, darunter Angaben zu Autor*innen, Aufführungs- und Publikationskontexten, Figurenkonstellationen und Digitalisaten. Auf dieser Grundlage lassen sich erstmals auch quantitative Analysen durchführen. So zeigt sich etwa, dass die überwiegende Mehrheit der Einakter Lustspiele sind und häufig um Themen wie Liebe und Ehe kreisen, das ist ein Befund, der Rückschlüsse auf Publikumserwartungen und Aufführungskontexte erlaubt.
Die Datenbank macht damit nicht nur eine vergessene Gattung zugänglich, sondern eröffnet auch neue Perspektiven auf den literarischen Kanon. Sie zeigt, dass das, was heute als randständig gilt, historisch zentral gewesen sein kann. Die Beschäftigung mit Einaktern führt somit zu einer Erweiterung des literaturwissenschaftlichen Blicks: weg von einer ausschließlichen Konzentration auf kanonisierte Einzelwerke hin zu einer stärker kulturhistorisch orientierten Perspektive, die auch populäre, funktionale und heute marginalisierte Formen berücksichtigt. Die Einakter erinnern daran, dass Literaturgeschichte mehr ist als die Geschichte ihrer bekanntesten Werke. Sie ist auch die Geschichte dessen, was vergessen wurde und was sich durch neue Methoden und digitale Infrastrukturen wieder sichtbar machen lässt.
Quellen:
Die Daten stammen aus der Datenbank deutschsprachiger Einakter 1740–1850, herausgegeben von Dîlan Canan Çakir und Frank Fischer (https://einakter.dracor.org/; Stand 4. Mai 2026; die Datenbank wird laufend ergänzt)
Çakir, Dîlan Canan und Frank Fischer. „Dramatische Metadaten. Die Datenbank deutschsprachiger Einakter 1740–1850“. DHd2022: Kulturen des digitalen Gedächtnisses. Book of Abstracts. University of Potsdam 2022. [DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.6327977]
Çakir, Dîlan Canan: Poetische Ökonomie im Drama. Einakter im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Berlin und Boston: De Gruyter, 2024. [DOI: https://doi.org/10.1515/9783111334059]

Abbildung 1: Screenshot der Datenbank

Abbildung 2: Eintrag aus der Datenbank

Abbildung 3 Anzahl der Stücke im Korpus




