von Anna Bers
Christa Reinig wird 1926 in proletarische Berliner Verhältnisse der Weimarer Republik geboren. Ihre Mutter ist Putzfrau und programmatisch alleinerziehend. Reinig wechselt vielfach die Schule, beginnt Ausbildungen als Blumenbinderin und als Bürogehilfin, sie arbeitet als Fabrikarbeiterin und wird Trümmerfrau. In der jungen DDR wird sie für kurze Zeit zum sozialistischen Bildungs- und Autorinnen-Musterbeispiel: Sie besucht die Arbeiter- und Bauernfakultät, kann akademisch reüssieren und wird als Autorin gefördert. Bereits 1951 darf sie jedoch nicht mehr publizieren. Zwei Gedichtbände mit kurzen, virtuos gereimten Gedichten über existenzielle Grundfragen in westdeutschen Verlagen verhelfen ihr zu Bekanntheit. Als ihr 1964 der Bremer Literaturpreis verliehen wird, kehrt sie nicht mehr in den Osten zurück. Sie lebt bis zu ihrem Tod in München, das sie einerseits immer wieder literarisch portraitiert, in dem sie zugleich aber immer die ‚Preußin‘ bleiben wird. In den 1960er Jahren schreibt sie komische Lyrik, Hörspiele und Erzähltexte und einen collageartig verfremdeten, autofiktionalen Roman. Sie wird mit renommierten Preisen ausgezeichnet, wie dem Hörspielpreis der Kriegsblinden für ihr surreales Radiostück Das Aquarium (EA 1967), und ist für einige Jahre alles andere als eine periphere Autorin.
Mitte der 1970er Jahre vollzieht sie eine entscheidende Wende: Sie wird Feministin. Ihr Roman Entmannung (1976) wird sehr kontrovers aufgenommen. „Ihre Hinwendung zum Feminismus markiert einen Bruch. Für den Literaturbetrieb wird sie zur Randexistenz.“ (Annett Gröschner 2014) Im Anschlusspubliziert sie einen Tagebuch-Zyklus mit Kürzest-Gedichten: Müßiggang ist aller Liebe Anfang (1979), der ihr lesbisches Coming Out in der literarischen Öffentlichkeit vollzieht. In den 1980er Jahren erscheinen zunächst weiterhin kämpferische feministische Essays in zentralen Publikationsorganen der Frauenbewegung (Die schwarze botin, Courage und EMMA). Mitte der 80er setzt einerseits eine Phase der Selbst-Betrachtung ein, die mehrere (wie sich zeigen wird: vorläufig) resümierende Werkausgaben hervorbringt und Reinig anderseits in Distanz zum Feminismus rücken lässt. In den letzten beiden Jahrzehnten ihres langen Lebens erscheinen vor allem pointierte Kurzprosaskizzen, mal essayistisch-betrachtend, mal skurril erzählend. Auch eine Sammlung mit lyrischen Miniaturen, Sprüchen, wie Reinig sie nennt, kommt zustande: Sie heißt Der Frosch im Glas (1994). Reinig stirbt 2006 in einem Münchner Hospiz. Ihr Nachlass wird in Marbach aufbewahrt.
Christa Reinig, der woke (Alp-)Traum avant la lettre, verdient es mehr denn je gelesen zu werden. Die Autorin verortet sich selbst als proletarisch, unehelich, linkshändig, DDR-geprägt, lesbisch, vegetarisch, be_hindert, weiblich und „ausserordentlich autistisch“. Zum 100. Geburtstag der Autorin erscheint nun eine kommentierte Werkausgabe. Reinig wiederzuentdecken, bedeutet einerseits, in den Blick zu nehmen, was in der Mitte des letzten Jahrhunderts bereits hinlänglich bekannt war, heute aber vergessen zu sein scheint – drei wichtige Dimensionen eines extrem facettenreichen Werks: das Schaffen der politischen Lyrikerin, die Existenzfragen in nicht selten blutige Gleichnisse verpackt, das der satirischen Beobachterin westdeutscher Alltäglichkeiten und das der feministisch-kämpferischen Romanautorin. Reinigs Biographie und Œuvre bieten aber auch Perspektiven, die bis heute nicht gleichermaßen bekannt sind, Kindertexte, Nachlassfunde, Science-Fiction-Parodien, Mythencollagen, frühe sozialistische Traktorenlyrik, späte Betrachtungen und Vieles mehr.
Christa Reinig: Werke, im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Wüstenrot Stiftung herausgegeben von Anna Bers, mit einem Vorwort von Monika Rinck, Berlin: Verbrecher Verlag 2026.
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Anna Bers ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Göttingen und forscht nicht nur zu Goethe und Loriot, Lyriktheorie und -geschichte, sondern auch zu Gender-Fragen. Ihre Anthologie Frauen | Lyrik erschien 2020 im Reclam-Verlag.
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Anna Bers (26. Mai 2026). Vorankündigung: Werke von Christa Reinig (1926-2006). #breiterkanon. Abgerufen am 18. August 2026 von https://doi.org/10.58079/169ti